Linz: Hoffnung für Patienten mit Stuhlinkontinenz
"Stuhlinkontinenz bedroht nicht das
Leben, aber sie beeinträchtigt die Lebensqualität massiv“, bringt es
Oberarzt Dr. Christoph Kopf auf den Punkt. Trotz modernster Therapie-
und Operationsmethoden führt die Stuhlinkontinenz heute in nicht
wenigen Fällen in eine völlige soziale Isolation. Eine neue
Operationsmethode, seit rund einem halben Jahr erfolgreich bei uns
angewandt, gibt Betroffenen jetzt neue Hoffnung.
"Ausscheidung von Stuhl oder Harn ist für
jeden Menschen - ob gesund oder krank - von existentieller
Wichtigkeit. Dem Kleinkind wird mittels Toilettentraining fast
akribisch die kontrollierte Darmentleerung frühestmöglich anerzogen.
Spätestens mit dem Erreichen dieses Zieles gelten die Stuhlentleerung
oder damit verbundene Unregelmäßigkeiten als absolutes Tabu", schildert
Kopf.
Betroffene sind oft voll Angst zu stinken und damit entdeckt
und bloßgestellt zu werden, ziehen sich dadurch zurück und werden
häufig depressiv. "Selbst Vertrauenspersonen wie etwa der Hausarzt
werden von Patienten oft sehr spät zu Rate gezogen", bedauert Kopf.
Die
therapeutischen Möglichkeiten sind heutzutage breit gefächert. Die
chirurgische Abteilung unseres Hauses beschäftigt sich schwerpunktmäßig
mit der Diagnostik und Behandlung von Beckenbodenfunktionsstörungen,
die als unterschiedlichste Ausprägungen von hartnäckiger Obstipation
bis hin zu schwersten Formen der Stuhlinkontinez in Erscheinung treten.
"Prinzipiell versuchen wir nach einer ersten Anamnese und einer
organischen Abklärung mit konservativen Therapiemethoden den Patienten
zu helfen", erläutert Kopf.
Das Therapiespektrum umfasst alle
medikamentösen und konservativen Maßnahmen. "Angeboten werden unter
anderem in Zusammenarbeit mit einer Physio-
therapeutin eine
spezielle Beckenbodengymnastik oder ein Biofeedbacktraining. Im
chirurgischen Bereich gibt es die Möglichkeit etwa einer
Schließmuskelrekonstruktion", so Kopf.
Neu: sacrale Nervenstimulation
Seit
rund einem halben Jahr steht bei uns jetzt eine völlig neue
Operationsmethode zur Verfügung. Die sogenannte sacrale
Nervenstimulation gibt Patienten mit Stuhlinkontinenz eine
berechtigte Hoffnung auf ein "neues Leben". "Die Operationsmethode -
Betroffene müssen nur wenige Tage stationär im Spital bleiben - beruht
im Prinzip auf einer Elektrostimulation der sacralen Nervenwurzeln über
einen implantierten Schrittmacher vergleichbar mit einem
Herzschrittmacher. Die Muskeln werden durch die Impulse unter Spannung
versetzt und auf diese Weise gestärkt", erklärt der Facharzt.
Bei
dem Verfahren müssen die Chirurgen, um die Wirksamkeit im konkreten
Fall zu prüfen, zunächst vier kleine Elektroden an die Wurzel des
Nervengeflechts des Schließmuskels anlegen und sie mit einem
äußerlichen Impulsgeber stimulieren. Bessern sich die Beschwerden, wird
das Stimulationssystem vollständig unter die Haut implantiert. Der
Impulsgeber (5 x 6 x 1 cm) wird im Bereich des Gesäßes oder des Bauches
platziert. "Die Therapie ist effektiv und verbessert nicht nur die
Stuhlkontrolle, sondern es resultiert daraus eine deutliche
Verbesserung der Lebensqualität der Patienten, die mit einem sacralen
Schrittmacher wieder allen gewohnten Tätigkeiten inklusive sportliche
Betätigung nachgehen können", so Kopf zuversichtlich.
Basierend
auf klinischen Studien schätzt man heute, dass weltweit rund 1 bis 5
Prozent der Bevölkerung an Stuhlinkontinenz leiden.
Geschlechtspezifisch sind 26 Prozent der Frauen und 11 Prozent der
Männer über 50 Jahre betroffen. Die Ursachen der Stuhlinkontinenz
können sehr verschieden sein, beginnend bei einer geänderten
Stuhlbeschaffenheit bei einer Durchfallserkrankung oder einer
entzündlichen Darmerkrankung über Sensibilitätsstörungen im Mastdarm
etwa bei einer Zuckerkrankheit oder einem apoplektischen Insult bis hin
zu strukturellen Defekten des Schließmuskelapparates nach einer Geburt
oder einem vorausgegangenen chirurgischen Eingriff.